Far go Sonig

How far can you go? Für eine Kolonade deutscher Musiker und DJs, darunter C-Schulz, Schlammpeitziger, Tim Elzer, Frank Dommert und F.X. Randomiz aus dem Umfeld des Musik-Labels Sonig ging es fast 2000 km vom Moloch des globalisierten Moskaus entfernt in die größte über dem nördlichen Polarkreis gelegene Hafenstadt Murmansk. Im Vergleich zu anderen Provinzstädten hatte man hier das Glück per Seeweg stets an westlicher Musik- und Popkultur angebunden zu sein. Das Schlechte daran: Die relativ junge und urbane Stadt gilt wie auch Wladiwostock als wichtigster militärischer Posten am Rande des NATO-Gebiets und war unverzichtbarer Bestandteil sowjetischer Wehrhaftigkeit. Die traurige Geschichte des Atom-U-Bootes Kursk scheint da nur als einer von vielen dunklen Schatten im kollektiven Gedächtnis der Bewohner allgegenwärtig zu sein.
An diesem Ort jedenfalls richtete die Rosa-Luxemburg-Stiftung in diesem Frühjahr mit ihren russischen Partnern das Festival „Dialog der Kulturen“ aus, das ähnlich wie eine Messe traditionelle Angewandte Künste und modernes Design alljährlich in einem künstlerischem Rahmenprogramm präsentiert. 2005 gab es diverse Produktionen mit Schwerpunkt Film, wobei in den vergangenen drei Jahren überwiegend Teilnehmer aus dem Osten Deutschlands vertreten waren. Diesmal lud man das Sonig-Label ein, um in verschiedenen Veranstaltungen die gegenwärtigen Entwicklungstendenzen moderner Musikrichtungen in Rußland und Deutschland zu skizzieren. Ein Anliegen der Veranstalter sei – so zumindest nach offizieller Verlautbarung –  eine „Erziehung der Nationaltoleranz im Jugendmilieu“. Nun war die inhaltlich offene Programmatik des Labels in diesem Kontext sicherlich ausreichend, aber Sergey Bakanev, der letztlich für das ganze Musikfestival verantwortlich war, wollte schließlich auch einen Rahmen internationalen Formats wagen.
Der Russe ist u.a. Meeresbiologe und stellvertretend für eine ganze Musiker-Generation, die eine hochqualifizierte naturwissenschaftliche Ausbildung genossen hat. Die wirtschaftlichen Bedingungen erlauben vielen ein entspanntes Werkeln in ihren technisch perfekt ausgerüsteten Studios. Es gibt ein prätentiöses Stadtmagazin namens „Murmanout“ und obwohl dies nicht London ist, so floriert das Partyleben neben einer Vielzahl anderer künstlerischer Aktivitäten. Aufgrund neuer Erdölfunde sind in der Gegend die Immobilienpreise zwar gestiegen, aber trotzdem erhöht sich die Anzahl von Eigentumswohnungen in den Plattenbauten, verfügt man hier für russische Verhältnisse doch über ein recht gutes Pro-Kopf-Einkommen. Doch die Privilegien von gestern bereiten den Kummer von morgen: Seit Ende der 1990er die Popsoße auf MTV alles nachhaltig überflutet, droht die Musikszene in Flachformate abzudriften. Die Produktion in den eigenen 4 Wänden bleibt da ein einsames hartes Geschäft, denn weder Geschäftsleute aus Moskau noch die Kids in der sibirischen Provinz honorieren eigenständige künstlerische Entfaltung übers Copyright. Wer im musikalischen Mainstream Rußlands nicht resigniert aufgeben will, muss den Vergleich mit anderen Avantgarden jenseits des konsumistischen Imperiums initiieren, also gilt es, eigene Veröffentlichungen und Auftrittsmöglichkeiten im internationalen Kontext zu arrangieren. Bereits vor der Perestroika gab es Ende der achtziger Jahre in Murmansk einen fruchtbaren Nährboden in der Tradition von Noise, Ambient und New Wave. Künstlergruppen wie „Strange Breams“ oder „Lazer Kontinent“ kultivierten ihr Sound-Chaos zu kruden Klangcollagen mit kaputten Funkgeräten, Plattenspielern, Spieldosen, Haustieren, filettierten fein säuberlich alte Konzertflügel. Mit dem Zerfall der Sowjetunion fügten sich weiter die aktuellen Trends in eine zunehmend westliche Klubkultur ein. Aber selbst Techno, Acid-House, Ambient-House, Oldscool Hardcore, Rave, Electro und wie sie da heißen, sind hier schon längst ein historischer Bestandteil des kulturellen Kanons.

Während ein russischer DJ etwa 25 Autostunden auf sich nimmt, um zwischen St. Peterburg und Murmansk zu pendeln, flogen wir bei unserer Anreise nach Murmansk zunächst über Moskau, landeten auf Scheremetjevo II um im Geleit von einem russischen Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung aus Moskau und den ebenfalls angereisten Design-Studentinnen aus Halle per Transfer am Scheremetjevo I schwer bepackt zu stranden. Die vier jungen Damen werden für das Kulturfestival in den kommenden Tagen diverse Workshops gestalten – deshalb war ihr Mega-Hackenporsche zum Knarzen vollgestopft mit Filz und anderen Materialien. Scheremetjevo I ist wesentlich kleiner aber freundlicher als sein großer Bruder. Unsere aufgestockte Reisegruppe lungerte etwa drei Stunden bis zum Abflug zwischen den Ikonen-Ständen in der Wartehalle herum. Einen rauchfreien Bistrobereich gibt es hier, sowie die vielleicht kleinste Fußball-Leinwand der Welt. Diesbezüglich herrschen in diesem Land fast amerikanische Verhältnisse, denn Nikotingenuß an öffentlichen Orten wird dem geneigten Konsumenten stets verwehrt – erstaunlich deshalb, weil die Reglementierung offenbar keinen nennenswerten positiven Einfluß auf die niedrige Lebenserwartung russischer Männer zu haben scheint. Durchschnittlich lag das Sterbealter Anfang der Neunziger mal gerade bei 57 Jahren. Inmitten wartender Fluggäste zischt man hier wenigstens ein kühles Blondes und betrachtet zufrieden die Auslagen der urigen Implant-Shops, eine baulliche Novität zwecks Kapitalisierung sowjetischer Architekturen. Ebenso beeindruckend unser Stapelhaufen aus Reisetaschen und Koffern. Nur ein schwacher Hauch von Glamour auf den eigens (im Detail aber nachlässig) angefertigten silbergrauen Gaffa-Hüllen für das Equipment. Aber selbst die amtlichen Tonträger-Taschen waren eine Herausforderung für jeden Sicherheitsbeamten und so schaute man sich unseren Hippie-Troß gerne mal genauer an. Trotzdem hatten unsere Behältnisse nicht bei weitem jene kunstfertige Oberflächen-Verkleidung im Vergleich zu einigen Gepäckstücken der Inlandsreisenden. Sehr professionell wird da tagtäglich dem Flughafen Moskau als wichtiger Umschlagplatz von Waren aller Art auf ästhetischste Weise gehuldigt. Begegnungen der trägen Art: Seltsame Klebeformen als Schutz vor Beschmutzung und fremden Händen wobei das obskurste (und Wurst ähnlichste) Modell erst nach unserer Ankunft in Murmansk vom Gepäckband ausgespuckt wurde. Der große Hunger macht sich breit und der Durst erst recht. Tim Elzer verrät uns dann im Bus auf dem Weg zum Hotel Arktika, daß er Geburtstag hat und reicht seine zuvor erworbene Wodka-Flasche in die Runde. Draußen ruht die Stadt im tiefsten Schnee und der Alkohol verströmt ein seltsam heimeliges Gefühl. Wir waren endlich angekommen.

Der Veranstaltungsplan sah neben der Fülle minutiös geplanter Events eine Reihe von Freizeit-Aktivitäten, sowie die akribische Einhaltung der Mahlzeiten vor. Am ersten Tag gab es morgens die obligatorische Stadtrundfahrt. Für mein „undeutsches“ Delay von 10 Minuten zaubert Programmkoordinatorin Natalja Stepakowa ein Lächeln hervor, ich wiederum spüre die Gewißheit, einen enormen Beitrag zur Beseitigung transnationaler Stereotypen geleistet zu haben.
Das Klima hier sei alles andere als gesundheitsfördernd, erfahren wir – das liege eben an der Mischung aus maritimen und polaren Klima. So erduldet der von Serotonin-Mangel geplagte Murmansker seine Jahreszeiten wie zwei Patienten im Krankenhaus – der eine stirbt und der andere hat Fieber.
Dank des Golfstroms bleibt der Hafen das ganze Jahr über eisfrei, aber die Bedürfnisse der Bewohner unterlagen irgendwann den Begehrlichkeiten des Militärs, so daß der einzig freie Zugang des Landes zum Atlantik für Zivilisten nun weiträumig abgesperrt ist. Vor der Küste liegt er nun in seinem nassen Grab, der einstige Stolz der russischen Nordmeerflotte. Eifrig wurde hier versenkt, was nach Ansicht der Verantwortlichen keiner mehr braucht. In der Bewältigung von atomaren Ausnahmesituationen hat sich das Militär hierzulande noch nie mit Ruhm bekleckert. Außerdem könnte der radioaktive Abfall nur mit modernster Technik aus den Nachbarstaaten und mit diesen gemeinsam abgesichert werden. Aber wo der politischer Wille fehlt, wird eben Geld verplempert. Vielleicht weil die Gefahr unabwendbar scheint, spricht man hier darüber etwa mit der gleichen Begeisterung wie die Einwohner der japanischen Stadt Kobe über ihr Erdbeben.
Am Wahrzeichen von Murmansk wirft uns der Bus kurzerhand oberhalb des Hafens aus: Von der Anhöhe blickt Heldendenkmal „Aljoscha“, ein monumentaler Soldat aus Stahlbeton auf die Terrassen der Stadt und nach Norwegen. Es geht weiter durch die Innenstadt, vorbei am „Tal der Gemütlichkeit“, ein Schauplatz der Polarolympiade – der Beweis, daß wir uns in einem stark frequentierten Wintersport-Gebiet befinden.  Das nächste Kriegerdenkmal, diesmal ohne Anhalt und in der Form eines zerissenen Herzens. In Gedenken an den Afghanistan-Krieg steht geschrieben: Verzeih mir, daß ich am Leben geblieben bin. Meine Notizen sind nun völlig unleserlich. Zuviel Wackelei im Bus. Die Stadt im grünen Kleid? Unvorstellbar – aber wir erfahren später, daß zwei Wochen nach unserer Rückkehr die Schneeschmelze eingesetzt hat. Die Stadt und der Matsch.

Während die angehenden Designerinnen aus Halle abends frei hatten, begann für uns die eigentliche Arbeit mittags und endete spät nachts. Trotzdem wurde es zwischen den einzelnen Vorträgen und den Konzerten am Abend hektisch. Auf dem Weg vom Kirow-Kulturpalast zum Soundcheck und in den Pausen filmte Ulrike Göken die Szenerie im geräumigen Venue, bis die Vorfreude auf unseren ersten Abend im Klub Ledokol (zu deutsch: Eisbrecher) einen deutlichen Dämpfer erhielt. Nachdem auf mysteriöse Weise einer der Kameras abhanden kam, besann sich am Tag nach unserer Ankunft jeder auf seine Eigenverantwortlichkeit, denn das restliche Equipment nachträglich zu ersetzen wäre eine schöne Scheiße geworden. Doch bereits nach wenigen Stunden versöhnt uns das Schicksal mit einem hinreißenden Publikum. Zwischen tanzenden Euphorikern gesellen sich gediegene Persönlichkeiten des Establishments, dazwischen Fernsehkameras und Radioleute, Interview-Anfragen von Journalisten, Konzert und wieder DJ-Set, also eine Huldigung im Hochformat. Den Auftakt des abendlichen Festivalprogramms macht am Freitag der Murmansker Produzent Solko von Fragment Netlabel. Mit melodiösem Minimal-Techno versteht es der Mit-Begründer des Internet-Labels, seine fragilen Collagen aus Obertonstimmen und Maultrommeln zu einem pulsierenden Elektrosmog zu vermengen. Die nächsten Stunden gehören freundlicherweise zunächst den deutschen Gästen mit folgendem Line-Up: Frank Dommerts stilistisch gewagtes aber fulminantes DJ-Set , Live-Perfomances von F.X. Randomiz und Tim Elzer, Schlammpeitziger, schließlich Plunderphonic Electronics mit dem Duo C-Schulz/ F.X. Randomiz. Nachdem der Laden seinen ersten Siedepunkt erreicht hat, ergänzen die darauffolgenden Acts aus Rußland das breite Spektrum: Während meine Darbietungen auf Vinyl insbesondere beim männlichen Publikum noch auf ein ganz spezielles Interesse stoßen – die weibliche Hand auf schwarzem Gold – rocken der Tech-House Produzent Mikel Back und seine Kollegen DJ Freska, Synthezman und DJ Sublime bis die Hütte kracht. Als weiterer Gast beeindruckt Pepelaz A.B. samt Kapuze und Breakcore-Bart nicht minder: In selten gehörter Slickness knüppelt uns der junge Kerl aus Petrosavodsk seine funky Tunes um die Beine. Eigentlich ist sein Name Kostja – und bemerkenswert sein unbefangenes Spiel außerhalb repetitiver Stilbekenntnisse. Eine psychedelische Konjugation von Techno, Breakbeat und Dub aus der Zukunft. Durch ihn lernen wir später in konspirativer Runde urtypische Rauchwaren aus der Sowjet-Zeit kennen. Auf der Packung läßt sich anhand der abgebildeten Landkarte Stalins unsäglicher Weißmeerkanal betrachten. Wir lassen schließlich die Geschichte der blutigen Schaufeln ruhen und erlernen statt dessen das kunstvolle Knicken eines röhrenähnlichen Pappfilters im Backstage-Bereich.
Der Sonntag abend ging etwas ruhiger an und stand im Zeichen komplexerer Sound-Strukturen. In ihrem Musikprojekt Testpressing betreten die DJs Freska und Sublime als elektronisches Duo die Grenzbereiche von IDM und  Deep Electronica gefolgt vom lang erwarteten Auftritt Sergey Bakanevs aka Mombus, ohne den das Musikfestival in dieser offenen Form vermutlich gar nicht stattgefunden hätte. Als einer der markantesten Vertreter der elektronischen Szene, generiert er seine überraschend eigentümlichen Sound-Referenzen zu klangvollen, wunderschönen Archetypen. Sicherlich würde man aufgrund der umfangreichen Instrumentierung seiner Tracks gerne Vergleiche zwischen Retrofuturismus und Exotica bemühen; genau genommen ist er einfach ein unglaublich guter Arrangeur, indem er seine narrative Kraft in der hohen Kunst des tanzbaren Soundtracks entfaltet. Später betreten wir Gäste aus dem Sonig Pool gemeinsam mit Konstantin Sinev und seinem russischen Synthesizer die Bühne für eine abschließende Jam Session. Irgendwann ist der offizielle Teil des Abends dann gelaufen, aber die Party der russischen DJs geht noch weiter bis zum Morgengrauen.

Nach dem anstrengenden Wochenende finden wir etwas Muße, die Stadt alleine zu erkunden. In einem Kaufhaus bestaune ich die opulenten Verpackungen der preiswerten Duftwässer. Gepflegte Damen heißen nicht Tosca sondern Whisky oder Cobra. In den riesigen Räumen schlummern hinter den verglasten Auslagen verschiedenste Dinge des täglichen Bedarfs: Pelzmützen, Spielkonsolen, obskure Seifenschalen aus quitschigem Gummi, Plastikmodule für den leichten Picknickspaß zur warmen Jahreszeit. An vielen Dingen scheint noch immer der stolze Glanz der Vergangenheit zu haften: Gut für Typo und Design – und leider deprimierend für die Menschen. Nach den Tagen des Aufbruchs beunruhigen viele die gegenwärtigen politischen Verhältnisse. Die Duma ist weit weg und schert sich wenig um notwendige Reformen. Trotzdem: Die bezaubernden Verkäufer im gut sortierten Musikgeschäft lächeln uns an – ein schöner Tag. Nachmittags noch ein kurzer Besuch in der hiesigen Musikfachschule, danach leistet uns eine der Übersetzerinnen Gesellschaft bei unserem frostigen Spaziergang zum Hafen. Am Tag vor unserer Abreise geht es noch einmal über Land, in das Samendorf Lowosero. Dort bemüht man sich seit einigen Jahren verzweifelt, die verbliebenen Kulturtechniken für die Nachwelt zu erhalten. Für viele Jahre war ihnen die eigene kulturelle Identität schlichtweg verboten worden. Heute lebt man hier ganz gut von den Renntieren, besonders Schweden sei da ein guter Absatzmarkt, erzählt uns ein Züchter. Aber hinter den wirtschaftlichen Bemühungen seitens der skandinavischen Nachbarn verbergen sich natürlich knallharte Interessen. Gemäß europäischer Strategiepapiere wird Murmansk der Barentsregion, d.h. des nördlichen Eismeers zugehörig empfunden, indem Teile Finnlands, Schwedens, Norwegens und Rußlands einfach zur wirtschaftlichen Makroregion erklärt wurden. Die Globalisierung läßt abermals grüßen.

Nun sitzen wir wieder im Flieger. Ein letzter Blick auf die weiten Felder aus Schnee und Eis. Manche tragen bereits den Schlafschutz in den Haaren ohne den Blick von ihrer Lektüre zu heben, der Rest verweilt im Tiefschlaf.

Waltraud Blischke (für Spex 2006)

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